Text zur Awarenessarbeit am Camp
Dieser Text wurde durch das Awarenessteam unabhängig vom restlichen Orgateam formuliert. Er spiegelt nur einen Teil unserer Auseinandersetzung wieder und kann bestimmt auch nicht alle Fragen an uns beantworten. Wenn unser Text und unsere Auseinandersetzung eure Perspektiven nicht berücksichtigt, freuen wir uns immer über Kritik und Ergänzungen. Auf dem Camp werden wir uns noch einmal persönlich vorstellen, außerdem wird es noch ein ausführlicheres Zine geben, wo ihr mehr über awareness (= Aufmerksamkeit), Umgang mit Diskriminierungen und Gewalt lesen könnt.

Grundlage für eine gemeinsame und solidarische Basis auf dem Camp ist für uns das Konsensprinzip. Wir möchten ein Camp, auf dem sich möglichst alle wohl und sicher fühlen können. Respektiert die Grenzen anderer! Beschäftigt euch mit dem Konsensprinzip (mehr dazu im Zine)!

Wie arbeitet das Awarenessteam in einem konkreten Fall?
Am Camp wird es rund um die Uhr ein erreichbares Awarenessteam geben. Dieses besteht immer mindestens aus 2 Personen, die am Infopoint per Funk, im eigenen Awarenessraum, oder per Handy erreichbar sind. Ihr erkennt sie außerdem an bestimmten Erkennungszeichen (mehr am Camp).
Wir sehen es als Awarenessteam als unsere Aufgabe, die Perspektive von Betroffenen zu unterstützen. Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe, überall gleichzeitig am Camp anwesend zu sein um intervenieren zu können, sondern wünschen uns, dass alle Teilnehmer_innen versuchen, aware (= aufmerksam) zu sein und Verantwortung für sich und Situationen, in denen sie sich befinden oder die sie mitbekommen, zu übernehmen. Es ist nicht die Aufgabe von Betroffenen, gegen Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen bzw. zu intervenieren, sondern die Aufgabe von allen Beteiligten.

Ihr könnt euch an uns wenden, wenn es euch nicht gut geht, wenn ihr gerade Ruhe oder Unterstützung braucht, jemensch, der zuhört, und wenn Vorfälle, Krisen, Konflikte und Grenzüberschreitungen passiert sind. Ihr könnt uns so viel oder wenig erzählen, wie ihr wollt, und wir respektieren euren Wunsch nach Anonymität. Unsere Aufgabe sehen wir darin, dafür zu sorgen, dass eure konkreten Bedürfnisse und Wünsche in der Situation berücksichtigt und durchgesetzt werden. Und dass Handlungsfähigkeit und Kontrolle über die Situation für die betroffene Person hergestellt wird. Wir sind keine ausgebildeten Therapeut_innen und können nur soweit unterstützen, wie es unsere eigenen Kapazitäten und persönlichen Grenzen zulassen. Es gibt einen Awarenessraum, in dem ihr euch bei Bedarf alleine oder mit Unterstützer_innen zurückziehen könnt.

Uns ist bewusst, dass Perspektiven geprägt sind von den Machtverhältnissen, die in der Gesellschaft existieren. Bei unklaren Machtverhältnissen und Situationen nehmen wir als Awarenessteam uns die Zeit, bevor wir handeln, Handlungsmöglichkeiten noch einmal im Team zu besprechen. Hierbei wird nur besprochen, was die betroffene Person ans restliche Awarenessteam weitergeben möchte, nach außen wird nichts dringen. Wir versuchen bei unklaren Machtverhältnissen alle Perspektiven mit einzubeziehen um die größtmögliche Handlungsfähigkeit und Sicherheit für alle Beteiligten herzustellen. Falls eine Situation die Grenzen und Kompetenzen des jeweilig aktiven Awarenessteams übersteigt, bleibt immer mindestens eine Person bei der betroffenen Person, während die andere sich Unterstützung aus dem restlichen Awarenessteam holt. Wir werden euch eventuell fragen, ob wir unsere Erfahrungen mit dem restlichen Awarenessteam (auch anonym und selbstverständlich nur in diesem Kreis) teilen dürfen, um Überlastungen und Überforderungen im Awarenessteam zu vermeiden.

Wer ist das Awarenessteam? (Vorstellung)
Auch in unserer Gruppe gibt es Machtverhältnisse. Wir versuchen uns in unserer Gruppe damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, dass wir in unterschiedlichen Situationen
unterschiedlich privilegiert und / oder benachteiligt sind.
Wir versuchen unsere Privilegien und Erfahrungen kritisch in unsere Praxis miteinzubeziehen, um uns mit gegebenen ungleichen Machtverhältnissen auseinanderzusetzen. Machtverhältnisse entstehen nicht nur durch gesellschaftliche Strukturen, sondern werden auch situativ hergestellt bzw. wirken sich in Situationen unterschiedlich aus.

Wichtige Fragen hierbei sind für uns:

Was bedeutet es für uns als Awarenessgruppe, dass einige von uns von rassistischen Strukturen profitieren und andere rassistische Benachteiligungen, Diskrimierungen und Gewalt erlebt haben/erleben?

Inwiefern wirken sich Konkurrenzdruck, Leistungszwang, kapitalistische Ausschlüsse und Klassismus auf die Leute in unserer Gruppe aus und was bedeutet das für unsere Arbeit?

Inwiefern existieren in unserer Gruppe Wissenshierarchien oder sprachliche Hürden durch akademische Bildung?

Welche Rolle spielt es für unsere Arbeit als Awarenessteam, dass manche von uns Cissexismus/Transfeindlichkeit erleben?

Was bedeutet es konkret für unsere Struktur und Arbeitsweise, dass manche von uns für Kinder verantwortlich sind und Sorgearbeit leisten und andere nicht?

Wie können wir am besten Personen in sozialen, emotionalen und psychischen Krisensituationen unterstützen, angesichts dessen, dass wir selbst unterschiedliche Erfahrungen damit haben?

Welche Ausschlüsse produzieren wir als Gruppe, die uns bewusst sind, z.B. dass keine Person im Rollstuhl in der Gruppe ist, oder Ausschlüsse, die uns auch nicht bewusst sind, weil sie uns erst gar nicht auffallen? Und was bedeutet das für die Arbeit, die wir als Awarenessteam leisten, dass uns eigene Erfahrungen und die kollektive Auseinandersetzung mit diesen Leerstellen fehlen?

Diskriminierung, Gewalt, Sichtbarkeitskämpfe und Ausschlüsse die durch Heteronormativität, Heterosexismus, Patriarchat und Misogynie entstehen, sind auch in einer nicht-männerdominierten- und nicht-heterodominierten Gruppe wichtige Themen. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und eigene Betroffenheiten befreien uns nicht von verinnerlichten Vorurteilen und Privilegien.

Schönheitsnormen, lookism und Fat-Shaming sind nicht nur Probleme der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch in einer sich alternativ gebenden queeren Szene. Gleichzeitig existieren auch eigene Szenecodes in der queeren Szene, aus denen geschlossen wird, wer als wie interessant, anerkannt und wichtig wahrgenommen wird.
Diese Fragen stellen wir uns nicht, um uns für unsere eigene scheinbare Selbstreflexivität auf die Schulter zu klopfen, sondern um konkrete Konsequenzen für unsere Praxis als Awarenessgruppe und als Aktivist_innen aus diesen bestehenden Machtverhältnissen innerhalb unseres Team und der Szene zu schließen und solidarische Unterstützungsarbeit leisten und diskriminierungssensibel handeln zu können.